LiteraTour Nord 2017/2018

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Die 26. LiteraTour Nord endete mit der Preisverleihung an Lukas Bärfuss am 12. April 2018. Neben dem Preisträger hatten Michael Roes, Carmen Stephan, Jochen Schmidt, Mariana Leky und Jonas Lüscher im Halbjahr zuvor auf der Tour durch die sechs norddeutschen Städte aus ihren aktuellen Büchern gelesen.

Der 1971 in Thun in der Schweiz geborene und heute in Zürich lebende Autor und Dramatiker schreibt seit den 1990er Jahren Theaterstücke und Romane. Seine Stücke werden weltweit aufgeführt und für seine Romane Hundert Tage und Koala wurde er u.a. mit dem Solothurner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis sowie dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet. Als Romancier, Dramatiker und Essayist ist Lukas Bärfuss einer der vielseitigsten und renommiertesten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Die Laudatio hielt die Literaturkritikerin, Journalistin und Autorin Maike Albath. Lukas Bärfuss las aus einem noch unveröffentlichten Text.

Preis der LiteraTour Nord 2018 für Lukas Bärfuss

Pflaumenblaue Spuren

Zum Einstieg in die Preisverleihung konnten die rund 250 Gäste Lukas Bärfuss erst einmal im Filmportrait kennenlernen: Als kritischen und reflektierten Menschen, der sich allen Gefühlen, guten wie schlechten, genauso stellt wie politischen Haltungen und Tatsachen, als jemanden mit starker Empathie für alles Lebende, starker Ausdruckskraft und Imagination. Als jemanden, der genau beschreibt, was zu sehen ist statt einfache Antworten zu geben. Studierende der Hochschule Hannover hatten das sehr gelungene, kleine Autorenportrait über den 26. Preisträger der LiteraTour Nord im Frühjahr gedreht. Auch die anderen Autor*innen der Tour waren so portraitiert worden.

Lukas Bärfuss erhielt den Preis für sein bisheriges Werk, insbesondere für seinen 2017 im Wallstein Verlag erschienenen Roman „Hagard“. In der Begründung der Jury heißt es: Lukas Bärfuss ist ein scharfer Beobachter, der mit wenigen Sätzen Atmosphäre erzeugt und der unbequeme Themen aufgreift: den Völkermord in Afrika und die westlichen Verwicklungen darin wie in „Hundert Tage“, Suizid, Drogen, das Leben von unten betrachtet wie in „Koala“ oder den Absturz einer bürgerlichen Existenz wie in „Hagard“. Ein Mann steigt einer unbekannten Frau nach und gerät damit auf einen verstörenden Abweg, bricht aber zugleich aus seiner kalten Welt aus und nimmt dabei Vieles neu und lebensgierig wahr. Lukas Bärfuss bietet keine einfachen Einsichten. Er scheut kein Risiko und lässt dabei absichtsvoll die Grenzen zwischen Autor, Erzähler und Figuren ebenso verschwimmen wie zwischen Politischem und Privatem. Lukas Bärfuss ist ein Autor, den wir heute lesen und der auch in der Zukunft gelesen werden wird, weil seine Romane begreiflich machen, was unsere Zeit und unser Leben ausmacht.

Offenbar hat Lukas Bärfuss bereits mit den „pflaumenblauen Ballerinas“, die zunächst die Aufmerksamkeit seines Protagonisten Philip wecken, auch andere fasziniert, denn alle Redner*innen des Abends - der Vorstandsvorsitzende der VGH-Stiftung Friedrich von Lenthe, die LiteraTour-Nord-Juryvorsitzende Sabine Doering und die Laudatorin Maike Albath erwähnten das auffällige Schuhwerk in ihren Beiträgen.

Der aktuelle Roman bildete den Ausgangspunkt der Laudatio von Maike Albath. Doch in ihrem Vortrag bot die Journalistin und Literaturkritikerin Einblick in das gesamte Werk des Schweizer Schriftstellers und spürte seinen Themen nach. So maß sie den Tieren bei Bärfuss besondere Bedeutung zu, denn immer sei das Auftauchen von Tieren in Bärfuss´ Texten mit der Frage verknüpft sei, wie weit Mensch und Tier eigentlich voneinander entfernt seien. Das bestätigte sich prompt: Lukas Bärfuss las nach der Urkundenübergabe einen bislang unveröffentlichten Text mit dem Titel: „Malinois“. Malinois, belgische Schäferhunde, gelten als ist eine schwer zu erziehende Hunderasse. Die Erzählung ist sozusagen ein Paradebeispiel für Bärfuss‘ Fähigkeit, die Abgründe des Menschlichen schonungslos auszustellen, bis zum Punkt, an dem die dargestellten Menschen geradezu „bestialische“ Züge entwickeln. Die Besonderheit des Textes liegt auch in heiklen Andeutungen, Vermutungen und bis zum Ende offenen Fragen - die der in einem tagtraumähnlichen Zustand befindende Ich-Erzähler nicht  aufklären kann oder will. Und so blieb letztlich auch in diesem Fall das, was Maike Albath als Kunst bezeichnet, nämlich „einen Rest, etwas Unerklärliches“, das jeder der Texte von Lukas Bärfuss enthielte.

Im Rückblick auf die Lesereise der LiteraTour Nord sei ihm, so merkte Lukas Bärfuss noch an, vor allem die Gastfreundschaft in den beteiligten Städten positiv im Gedächtnis geblieben. Er sei an allen Stationen so herzlich aufgenommen worden, dass er sich nun durchaus als Oldenburger, Bremer, Lübecker, Rostocker, Lüneburger und Hannoveraner fühle. Diese Gastfreundschaft stellte die LiteraTour Nord - dank ihrer Förderin, der VGH-Stiftung - am Abend dann erneut unter Beweis und lud im Anschluss an die Preisverleihung zum traditionellen Empfang.

Portrait Lukas Bärfuss von Sophie Apelt, Christopher Haar, Anna-Franziska Kaufmann / Hochschule Hannover

©Meyer

Laudatio auf Lukas Bärfuss

Den Text von Maike Albath können Sie hier aufrufen und nachlesen.

Laudatio

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun/Schweiz, lebt als Dramatiker, Romancier und Essayist in Zürich. Seine preisgekrönten Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane wie „Hundert Tage“ und „Koala“ wurden ebenfalls vielfach übersetzt und ausgezeichnet, u.a. mit dem Schweizer Buchpreis 2014 und Nicolas-Born-Preis 2015.